Die Geschichte ist ein paar Jahre her, aber es scheint mir erst gestern gewesen zu sein, als ich mir zusammen mit einem guten Kumpel und Kollegen die Nachtschicht um die Ohren schlug.
Schichtler kennen das. Diese Nächte, die nicht verstreichen wollen. Der Funk ist mucksmäuschenstill. Die Straßen wie leergefegt. Vielleicht ist es noch kalt und ungemütlich. Das heimische Bettchen schreit, man kann es förmlich hören…
Ein Krachen im Äther und schon reißt uns die ‚heimelige’ Stimme des EZ-Sprechers aus der Lethargie. „Nur her mit der Arbeit“, denke ich mir und beginne meine Sinne auf ‚Empfang’ zu stellen. „Messerstecherei in XY-Dorf, Hauptstraße 10 bei Lämmermann, 10/11 sie fahrn! Eine zweite Streife rückt von der PI aus.“
„Na, das hätte es jetzt auch nicht gebraucht…“
Waren wir gerade noch träge und genervt sind wir beide jetzt voll da. Martin, so nenne ich meinen Freund jetzt mal, haut den Gang rein. Meine Hand findet den Blaulicht-Knopf wie im Schlaf. Der BMW schiebt an.
Beinahe lautlos brausen wir durch die leeren Straßen. Das Blaulicht wird von den Fassaden und Schaufenstern zurückgeworfen und skizziert zufällige Formen auf den Häusern. Musik lassen wir aus, der Bürger will ja schließlich schlafen.
Wir sind raus aus der Stadt, Martin lässt den Sechszylinder seine Arbeit machen und wir beide bereiten uns gedanklich auf den Einsatz vor. Ich schlüpfe in die Lederhandschuhe und kontrolliere die 4DZell Maglite. Die Adresse sagt uns nichts. Ein kleines Dorf weit draußen. Trotz forscher Fahrweise wird es fast 20 Minuten dauern bis wir da sind.
Wir steigen aus dem Streifenwagen, niemand ist zu sehen. Es ist stockfinster. Straßenbeleuchtung Fehlanzeige. Nr. 10 ist gleich gefunden. Immer noch ist alles ruhig.
„Lämmermann? Hey Martin, er hat doch Lämmermann gsagt, oder?“
Die Klingel weist drei Namen auf. Aber unser Mitteiler ist nicht dabei. Wir sind beide angespannt. Auf der Hut. Scheiße, was ist hier los???
Wir läuten alle drei Klingeln. Kein Licht geht an, nichts rührt sich. Gibt’s doch gar nicht! Aber wir sind richtig hier. Die Nachbarhäuser stehen ein Stück weg, sind aber auch dunkel. Das ganze Dorf ist wie ausgestorben.
Der Garten des Hauses liegt rechts vom Eingang etwas tiefer. Der Blick hinein ist durch dichtes Buschwerk versperrt. Links am Haus führt ein kleiner, mit Waschbetonplatten belegter Pfad ums Haus. Das Blaulicht flackert weiter seine Bahnen. Es beginnt zu nieseln. Super!
Mein Gefühl sagt mir, dass es dieses Haus ist. Während Martin weiter die Klingelknöpfe bearbeitet gehe ich den Weg ums Haus. Hoffe auf ein offenes Fenster oder eine Kellertüre. Auf der Straße höre ich den Rettungsdienst ankommen.
„Nur noch schnell ums letzte Eck“ sind meine Gedanken. Jetzt erst erkenne ich. Das Haus ist eine Hanglage. Auf der von oben nicht einsehbaren Gartenseite, eine Einliegerwohnung mit separatem Zugang.
Martin steht noch oben, ich alleine hier unten. LÄMMERMANN steht am schlampig angebrachten Namensschild. Die Türe steht einen Spalt offen. Hier stimmt was nicht!
Adrenalin!
Heilige Scheiße!
In der Garderobe gleich hinter der Eingangstür liegt eine leblose weibliche Person und alles, wirklich alles ist voller Blut! Die Türschwelle liegt etwas höher, es kann nicht weglaufen.
Meine erste Reaktion: Ich schreie nach dem Sani, beinahe wie in einem schlechten Kriegsfilm. „Hier ist etwas Schlimmes passiert“ geistert es mir durch den Kopf. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren. Wo ist der Täter?
Wo ist der Täter?
Ich versuche erst mit der Maglite dann mit dem Fuß die Türe noch ein Stück aufzudrücken. Die Knarre hab ich längst raus genommen. Es gelingt mir nicht besonders gut, denn die Füße der toten Frau liegen zwischen Tür und Wand und blockieren damit mein Vorhaben.
Aber ein wenig geht’s doch. Ich erhasche einen Blick in die dahinter liegende hell erleuchtete Wohnung. Darauf gefasst, dass wer immer es auch war, gleich auf mich zukommt. Mich angreift oder was auch immer.
Erleichterung!
Ganz hinten im Raum hängt in sitzender Pose ein rundlicher Mann an einem Raumteiler. Hat seinem Leben mit einem Schal ein Ende bereitet. Es ist der Tatverdächtige (TV) wie sich später heraus stellen wird.
Als gerade die ganze Anspannung von mir abfällt, trudeln die Sanitäter am Tatort ein. Bei der Frau ist nichts mehr zu machen (Stich in die Halsschlagader). Beim TV werden die Wiederbelebungsmaßnahmen nach 15 Minuten erfolglos eingestellt.
In meinem Übergabebericht wird später stehen, dass der eifersüchtige Hausbesitzer, dem vom Opfer wochenlang schöne Augen gemacht wurden, das Heimkommen der Untermieterin abgewartet hatte. Es kam zum Streit in dessen eskalierenden Verlauf er mit einem Messer zustach. Die wach gewordene Tochter des Opfers konnte sich zu den Nachbarn retten, die die Polizei verständigten. Bevor sich der Tatverdächtige strangulierte, drehte er noch dem Wellensittich und dem Meerschwein den Kragen um, woran man sehen kann, wie emotional die Geschichte für ihn war.
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