An der Unfallörtlichkeit, dem Ende einer Bundesstraße, hat ein LKW Fahrer die Kontrolle über seinen 40-Tonner verloren, überfuhr die Leitplanke und krachte gegen einen Ampelmasten. Da es sich bei der Kreuzung auch um eine Autobahnauf- und Abfahrt handelt und noch reger Berufsverkehr herrschte, hieß es nun für uns, dass wir den Verkehr in geregelte Bahnen lenken müssen, bis das „Schlachtfeld" wieder frei befahrbar und der Unfall von einer anderen Streifenbesatzung aufgenommen worden war. Also, raus aus dem Auto und rein in den Abgassmog des Münchner Feierabendverkehrs. Zu allem Überfluss fing es nach kurzer Zeit auch noch an zu regnen. Wir hatten zwar die üblichen, reflektierenden Verkehrsmäntel an, aber bei waagerechtem Regen und Sturmböen, hilft das im Gesicht und an den Beinen herzlich wenig.
Trotz dieser widrigen Umstände müssen wir gerade bei solchen verantwortungsvollen Tätigkeiten immer hoch konzentriert zu Werke gehen. Die Erfahrung zeigt, dass man immer mit dem Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer rechnen muss. Dies gilt insbesondere bei solchen, nicht alltäglichen Situationen, denen der Kraftfahrzeugführer hier ausgesetzt ist.
Im Hinterkopf hatte ich einen Fall, der sich wenige Wochen zuvor, bei einem Kollegen meiner Schicht ereignete. Eben bei solch einer Verkehrsregelung nach einem Unfall passierte ein erneuter Unfall, wobei der verunfallte Pkw nach dem Zusammenstoß nur knapp neben dem Kollegen vorbeischrammte und neben ihm auf dem Dach zum Liegen kam.
Nach gut einer Stunde war der Unfall aufgenommen und die Unfallstelle wieder befahrbar. Auch die Ampel war wieder instand gesetzt. Wir konnten total durchnässt und durchgefroren unsere Streife fortsetzen.
Kurze Zeit später, wir hatten noch keine Zeit unsere Hosen zu tauschen, erhielten wir von der Einsatzzentrale einen neuen Auftrag, der uns, wie sich später herausstellte, den Großteil der Nachtschicht beschäftigen sollte.
Eine zunächst unbekannte Mitteilerin rief bei unserer Polizeidienststelle an, schrie um Hilfe und ehe sie weitersprechen konnte, wurde die Verbindung unterbrochen. Der Kollege auf der Wache hatte nun alle Hände voll zu tun. Er ermittelte die zur Rufnummer gehörenden Anschlussinhaberdaten und beorderte die Streifen und somit auch uns, zur entsprechenden Adresse.
Dort angekommen und ausgestiegen tönte uns schon lautes Geschrei entgegen. Ein torkelnder und aggressiv schreiender Mann stand im Unterhemd vor seinem Einfamilienhaus im Garten und kam auf uns zu. Er begrüßte uns mit den Worten „Kommts nur her, Euch zeig ich es genauso, wie meiner Frau!" Da sich der Herr mit Worten nicht beruhigen lies, blieb uns keine große Wahl, wir mussten den aufgebrachten Mann fixieren um zu klären, was mit seiner Frau, der vermeintlichen Anruferin ist und ob sie Hilfe benötigt.
Meine Streifepartnerin und ich kümmerten uns um den Aggressor und eine andere Streife suchte nach der Frau. Wie sich herausstellte eskalierte ein seit längerem andauernder Ehestreit. Der Mann würgte die Frau und drohte sie umzubringen. Glücklicherweise trug sie keine ernsthaften Verletzungen davon.
Da die Frau jetzt außer Reichweite war, konzentrierten sich die Aggressionen des alkoholisierten Mannes auf meine Kollegin und mich. Beschimpfungen und Beleidigungen, wie z.B. „Arschlöcher, Wixer und Dreckschweine", waren hier noch das harmloseste, was wir uns anhören mussten. Auf dem Weg zur Wache im Laufe der weiteren Sachbearbeitung setzte der Betrunkene seine verbalen Entgleisungen gegen uns fort. Die Situation erforderte im Anschluss an die Sachbearbeitung noch eine Ausnüchterung in unserer Haftzelle. Man glaub kaum, wie schnell erwachsene Menschen ihre vermeintlich gute Kinderstube vergessen und zu welchen Kraftausdrücken so manche Männer im gesetzten Alter fähig sind.
Bei den eben geschilderten Vorkommnissen redet man im Polizeijargon von einer „Häuslichen Gewalt" und da es sich hierbei um keine Bagatellstraftat handelt, ist die Bürokratie und der damit verbundene „Schreibkram" dementsprechend hoch und auch eilig. Als das abgeschlossen war, ergab sich die Gelegenheit für eine Brotzeit zu später Stunde, ehe wir unsere Streifenfahrt fortsetzten.
Der Rest der Nacht gestaltete sich etwas ruhiger, neben der routinemäßigen Bestreifung von Wohn- und Industriegebieten in unserem Dienstbereich führten wir auch noch so manche Verkehrskontrolle durch. Abgesehen von ein paar Strafzetteln, die wir schreiben mussten blieben uns bis kurz vor Dienstschluss größere Einsätze erspart.
Gerade als wir uns auf den Weg zur Dienststelle und somit auch auf den Weg in unseren wohlverdienten Feierabend machen wollte, meldete sich die Einsatzzentrale bei uns. In einem herrschaftlichen Anwesen hatte die Alarmanlage ausgelöst. Hierzu muss gesagt sein, dass dies bei dem Anwesen ziemlich häufig der Fall ist und es bislang jedesmal ein Fehlalarm war. Man kann also durchaus von einem „Klassiker" zum Schluss sprechen.
Ungeachtet der vorangegangenen Fehlalarme müssen wir bei derartigen Einsätzen von einem tatsächlichen Einbruch ausgehen, bis wir uns vom Gegenteil überzeugt haben. Am Einsatzort angekommen hatten wir von außen keinerlei Anhaltspunkte für einen tatsächlichen Einbruch. Zusammen mit anderen Streifen wurde das betreffende Gebäude umstellt und auf den Eigentümer gewartet. Als dieser nach kurzer Zeit ankam und mit uns das Gebäude im inneren abging konnten wir uns von einem weiteren Fehlalarm überzeugen.
Mit diesem Einsatz endete unsere Nachtschicht, wir rückten ein und übergaben an unsere Kollegen, die zur Frühschicht eingeteilt waren. Einige Kollegen aus unserer Schicht, die nicht ganz freiwillig ihren Dienst im Ballungsraum München verrichten müssen, hatten jetzt noch eine Heimfahrt mit dem Pkw, von zwei Stunden oder mehr vor sich. Nicht gerade ungefährlich, wenn man bedenkt, dass man nach 10 Stunden Nachtdienst eigentlich nur noch eines will...
... schlafen!!!
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