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Großwildjagd in der City

Tierische Einsätze, im wahrsten Sinne des Wortes, habe ich schon einige erlebt. Nicht unerwähnt bleiben soll daher auch das eher in Wüstenregionen beheimatete Kamel, das den Zirkusalltag offensichtlich satt hatte und einen Ausflug durch unsere Polizeiinpektion unternahm. Das Tier hatte wohl nicht damit gerechnet, dass es damit größte polizeiliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und einige Kollegen zu Kameltreibern degradieren würde.

Wie bereits angedeutet. Das ausgewachsene Kamel, hörte normalerweise auf den Namen "Pascha" oder besser gesagt, sollte hören. Es gehörte einem jener Kleinzirkusse, die sich finanziell gesehen kaum über Wasser halten können und in verschiedenen Städten leider nur mäßig besuchte Vorstellungen geben.

Der Direktor war froh, dass die Stadtverwaltung ihm einen Platz zugewiesen hatte, auf dem eine wilde Wiese spross, so dass wenigstens einige seiner Pflanzenfresser kostenlos versorgt werden konnten. So auch Pascha, der mit einem zehn Meter langen Seil auf der Wiese angepflockt wurde. Hier genoss Pascha, faul in der Sonne liegend, seine auftrittsfreie Zeit.

Leider sollte es mit der Ruhe nicht lange dauern. Einige Bälger hatten nichts Besseres zu tun, als Pascha zu necken. Es konnte ja nicht viel passieren so lange man entsprechend der Seillänge einen sicheren Abstand hielt. Um Pascha zum Aufstehen zu bewegen, zogen sie an dem Seil, was Pascha zunächst mit dem für Kamele typischen unwilligen Röhren quittierte. Schließlich stand er genervt auf und es begann ein Tauziehen zwischen Mensch und Tier. Verlierer war nicht nur der Mensch, auch der Pflock, der knirschend aus dem Boden gezogen wurde. Jetzt verließ die Bälger der Mut und sie bekamen es mit der Angst zu tun. Sie ließen das Seil fallen und suchten das Weite. Das Seil samt Pflock hinter sich her ziehend trottete Pascha hinter den Unruhestifter her.

Großwildjagd in der City Für Pascha war die unerwartete Freiheit eine willkommene Gelegenheit für eine Stadtbesichtigung. Es dauerte nicht lange und dieser Vorgang wurde von besorgten Bürgern der Polizei zugetragen. Mittlerweile regelte Pascha souverän den Verkehr auf einer größeren Kreuzung, indem er ihn völlig zum Erliegen brachte. Wir setzten mehrere Streifenwagen ein, die Pascha auf der Kreuzung in gebührendem Abstand einkreisten. Da der Bürger erwartet, dass Polizisten mutig sind, stiegen wir aus und ergriffen das Seil. Pascha beobachtete misstrauisch unser Treiben. Unsere beruhigenden Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Pascha trottete auf leichten Zug am Seil hinter uns her. Bis zum Zirkus waren es nur ein paar hundert Meter. Wir hatten schon eine schöne Strecke hinter uns und waren sicher, den Rest des Weges auch noch zu schaffen, wäre da nicht so ein Hund gewesen, dessen Rasse man gemeinhin als Wadenbeißer bezeichnet. Dieser Wadenbeißer wähnte sich wohl unter Polizeischutz und machte seiner Bezeichnung alle Ehre, indem er laut kläffend um Pascha herumwieselte. Damit gab Pascha seine Kooperationsbereitschaft auf und leistete plötzlich heftigsten Widerstand gegen die Staatsgewalt. Es sah urkomisch aus, wie Pascha vier, teilweise stolpernd, teilweise auf den Schuhsohlen rutschenden Polizisten, scheinbar mühelos hinter sich herzog.

Ob der Übermacht von einer „KS“ (Kamelstärke) gaben wir schließlich auf und Pascha galoppierte durch den Stadtverkehr davon. Dadurch kam es zu teilweise brenzligen Situationen mit Beinaheverkehrsunfällen. Als letzte Rettung brachten wir seinen Dompteur an den Ort des Geschehens. Aber mit seinem Herrchen  wollte Pascha auch nicht reden.

Nun war guter Rat teuer. Da Überredung nicht half, mussten härtere Bandagen ran. Wir führten zwar für den absoluten Notfall, z.B. wenn Tiere durchdrehen und Personen gefährden würden, eine Maschinenpistole mit, doch das wäre wirklich das letzte Mittel gewesen. Schließlich war Pascha an seinem Schicksal gänzlich unschuldig. Ein Narkosegewehr schien die einzige Lösung. Der Zirkus hatte aber keines. Also, Anruf im Zoo. Der Tierarzt dort sagte seine Hilfe zu. Im Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn wurde er abgeholt. Derweil hielten andere Streifenwagen den Verkehr an, damit Pascha ungestört durch die Einkaufstraße bummeln gehen konnte. Eigentlich machte er einen recht coolen Eindruck.

Dann lud der Tierarzt sein Gewehr. Über Lautsprecher wurden Spaziergänger gewarnt und zum Abstandhalten aufgefordert. Man weiß ja nie, wie das Tier reagiert, wenn`s plötzlich knallt und dann piekt. Als das Geschoß das Hinterteil traf, zuckte Pascha kurz mit dem Hinterlauf und setzte seinen Weg gemütlich fort, als sei nichts geschehen. Die Wirkung sollte nach fünf bis zehn Minuten einsetzen, tat sie aber nicht. Ein Kollege meinte, Pascha sei leichtfüßiger geworden und grinse nun ständig. So`n Quatsch! Nun bekam er Nachschlag, diesmal mit der erwünschten Wirkung. Pascha wurde immer müder und konnte sich schließlich nicht mehr auf den Beinen halten. Zum Glück setzte er sich auf den Boden und fiel nicht einfach um. Dann schlief er ein. Der Abtransport war Sache der Männer vom Zirkus, die dabei mächtig ins Schwitzen kamen, als sie Pascha auf den Tieflader zogen.

Quelle: "Wer lacht mit uns?" Polizeigeschichten unter dem Lachbaum

Kommentare (1)

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co6hon
ich war schon immer gegen einen zirkus... ich stelle mir immer wieder die frage, ob es dort eine artgerechte tierhaltung gibt...zb. wildtiere und die langen transporte..oder die ständigen ortswechsel... das soll gesund sein? ich sage nein... die tiere müssen ja mal ausrasten...dazu gibt es ja genug fälle. wer die tiere nicht liebt, der liebt auch nicht die menschen. wer will schon kunststücke erlernen die nicht dem natürlichen instinkt entsprechen...
co6hon , 20 05 2009

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